Der Aegyptische Struwwelpeter

– ein Kuriosum der österrei­chischen Kinderliteratur?

Über kaum eine andere Bearbeitung des „Struwwelpeter“ weiß man so genau Be­scheid, wie in diesem Fall. Lassen Sie Ihrer Phantasie die Zügel schießen und kommen Sie mit mir nach Wien, in das Wien um 1895.

Um die „Exklusivität“ des Aegyptischen Struwwelpeters zu verstehen, muss man die kulturellen und historischen Hintergründe näher betrachten.

Es gibt beileibe keine besonders engen oder alten historisch-politischen Beziehungen zwischen Ägypten und der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, sieht man von einzelnen Persönlichkeiten ab, wie z. B. Slatin Pascha (1857–1932) oder Alois Negrelli. Slatin Pascha ist ein 1857 in Wien geborener anglo-ägyp­tischer General, der im Ersten Weltkrieg als österreichischer Leutnant die Kriegsgefangenenhilfe des Österreichischen Roten Kreuzes leitete. Alois Ritter von Negrelli Moldelbe (1799–1858) entwarf die Pläne für den Suez-Kanal. Beide Personen gehören also entweder eher in den Bereich der „normalen“ diplomatischen Beziehungen oder in den kulturellen Bereich im weitesten Sinn.

Warum „Aegyptischer Struwwelpeter“

Beziehungen Österreich – Ägypten

Unter den zahlreichen Bearbeitungen des Struwwelpeters ist die exotischste wohl „Der Aegyptische Struwwelpeter“, der von einem Autorenteam aus der Österreichisch-Ungarischen Monarchie stammt.[i] Warum nun gerade verlegten sie diese Geschichten nach Ägypten? Besondere histo­rische Beziehungen zwischen diesen beiden Ländern bestanden schließlich nicht, eher kultu­relle, wie bereits angedeutet. Diese reichen allerdings bis in die Zeit zurück, als Wien noch Vindobona hieß. (Etwa um Christi Geburt nahmen die Römer dieses Gebiet in Besitz.)

Bei Bauarbeiten im Jahr 1800 stieß man im Zentrum der Stadt auf römische Funde. Das war nun nichts Außergewöhnliches, das war fast schon „normal“ in Wien. Das Besondere an diesem Fund war aber, dass auch eine altägyptische Steinskulptur unter den sichergestellten Funden war. Sie stammt aus der Zeit um etwa 1200 v. Chr. und war vermutlich als eine Art „geistlicher Gesandter“ Ägyptens nach Vindobona gebracht worden. Es gab im römischen Reich zahlreiche Kultstätten für die ägyptischen Götter Isis und Serapis.

Mitte des 16. Jahrhunderts kam auf dem Umweg über Konstantinopel ein weiteres kostbares Stück nach Wien. Um 200 Dukaten erwarb der Überlieferung nach Ogier Ghislain de Busbecq, Mitglied einer kaiserlichen Gesandtschaft in Konstantinopel, mit der Sitzstatue des Gemnef-hor-bak die erste ägyptische Skulptur der kaiserlichen Sammlungen. Im Jahr 1801 erwarb der Österreicher Freiherr von Hammer-Purgstall (1774–1856) als Angehöriger des diplomatischen Dienstes in Saqqara eine Stele. Er machte sie der „Orientalischen Akademie“ zum Geschenk, von wo sie auf unbekannte Art und Weise im habsburgischen Münz- und Antikenkabinett landete. Die Orientalische Aka­demie war von Kaiserin Maria Theresia gegründet worden und besteht heute noch als „Diplomatische Akademie“. Hammer-Purgstall war auch einer der Gründer der Wiener Akademie der Wissen­schaften und deren erster Präsident (1847–1849). Er erwarb sich große Verdienste um die österreichische Orientalistik, besonders der Turkologie, und übersetzte zahlreiche orienta­lische Dichtungen, z. B. den „Diwan“ des Hafiz und „Tausendundeine Nacht“. 

1809 eroberte Napoleon Wien und die französische Armee machte vom Recht des Siegers Gebrauch, d. h. es wurden in Wien so viele wertvolle Kunstschätze wie möglich kon­fisziert und den französischen Museen einverleibt. Nach dem Untergang Napoleons kam es aus politischen und diplomatischen Gründen in der Regel nicht zu einer Rückstellung der geraubten Schätze, sondern es wurden Tauschobjekte angeboten. Gott sei Dank konnte aber das Münz- und Antikenkabinett, in dem sich auch die ägyptischen Altertümer befanden, zum Großteil rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Die trotzdem daraus beschlagnahmten Stücke wurden glücklicherweise wieder zurückgegeben. 

1824 wurde ein Subinventar für die ägyptischen Bestände des Münz- und Antiken­kabinetts erstellt, das 3770 Nummern umfasste. Der Großteil der Objekte waren Schenkungen der verschiedenen Gesandten in Konstantinopel und Kairo, wobei diese nicht selbst als Aus­gräber tätig waren, sondern bei Antiquitätenhändlern die Stücke erwarben. Aber auch zahl­reiche Kaufleute, Bankiers und andere Wirtschaftstreibende der Österreichisch-Ungarischen Monarchie machten großzügige Schenkungen dem Haus Habsburg.

1869 wurde der Suez-Kanal eröffnet, der nach Plänen von Alois Negrelli von dem Franzosen Ferdinand de Lesseps (1805-1894) gebaut worden war. Kaiser Franz Joseph I. erhielt bei dieser Gelegenheit durch Vermittlung des österreichischen Technikers Anton Lucovich drei Papyrusbündelsäulen aus der 18. Dynastie (ca. 1551-1306 v. Chr.), die beim Neubau des Kaiserlich-Königlichen Hofmuseums (heute: Kunsthistorisches Museum) in die ägyptischen Säle tragend eingebaut wurden.

Anlässlich der Wiener Weltausstellung 1873 wollte Ismail Pascha, Vizekönig von Ägypten, sein Land eindrucksvoll und vor allem eigenständig präsentieren. Ägypten stand immer noch unter türkischer Oberhoheit, daher verfolgte diese Repräsentation nicht nur kulturelle sondern auch handfeste politische Ziele. Die unverwechselbare pharaonische Kultur sollte den ägyptischen Anspruch auf Eigenstaatlichkeit unterstreichen.

Die Malereien eines ägyptischen Fürstengrabes in Beni Hassan waren die Vorlage für den Nachbau desselben im Rahmen der Wiener Weltausstellung 1873. Das Grab war ein Publikumsmagnet! Nach dem Ende der Weltausstellung wurden diese Tapeten gekauft (sie waren auf einem speziellen Papier gemalt), um fast 20 Jahre später für die Ausgestaltung der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung Verwendung zu finden. Auf eben diese Darstellungen werde ich später noch einmal zurückkommen. Neue Forschungen haben ergeben, dass vermutlich der Wiener Dekorations- und Zimmermaler Adolf Falkenstein (†31.12.1929) mit großer Wahrscheinlichkeit der Künstler war und nicht Max Weidenbach, wie bisher immer angenommen wurde.

Unter vielen prominenten Gönnern und Käufern ägyptischer Kunstwerke für das Haus Habsburg war einer der prominentesten der Thronfolger Kronprinz Rudolf. 1881 er­warb er auf einer Ägyptenreise sechzig Objekte und stiftete sie der Sammlung. 

Ein Kuriosum, das heute unvorstellbar ist, sei hier unbedingt erwähnt. 1891 war ein sensationeller Fund in Dêr el-Bahari, ca. 25 km nördlich von Gizeh, gemacht worden, ein in­taktes Grab mit 153 Särgen. Der Fund war so gewaltig, dass die Magazine des damaligen Museums in Gizeh nicht ausreichten. Die ägyptische Regierung fasste nun den bemerkens­werten Entschluss, eine Anzahl von Fundgruppen an 17 Museen in Europa und den Verei­nigten Staaten zu verschenken. Dies wurde 1893/94 durchgeführt. Die Objektgruppen wurden den diplomatischen Vertretern der einzelnen Staaten durch Los zugeteilt. Der öster­reichische „Losgewinn“ fiel an das Kunsthistorische Museum, der Gewinn für die Vereinigten Staaten steht heute in Washington, im Smithsonian Institute. – Welche Regierung würde heute eine solche wahrhaft großzügige Entscheidung treffen? 

„Alle Welt“ sprach also von Ägypten, immer wieder wurde in Zeitungen und Zeit­schriften über neue, sensationelle Ausgrabungen berichtet, und Ausgrabungen gab es en masse, nicht immer allerdings echt. Jeder, der auf sich hielt und es sich leisten konnte (oder auch nicht!), hatte etwas Antikes zu Hause im Salon stehen. Ebenso bekannt und praktisch in jedem Haus vorhanden war der Struwwelpeter. Es war also nur ein Funke notwendig, um diese beiden Komponenten zu einem gelungenen Scherz zu vereinen.

Die „Autoren-Compagnie“ Fritz, Richard und Magdalene Netolitzky

Familie Netolitzky 

Um 1870 hatte die Österreichisch-Ungarische Monarchie eine Größe von 676.615 km², das ent­spricht ungefähr zwei Drittel der Fläche des heutigen Ägyptens. Dieser Vielvölkerstaat bot nicht nur die Vorteile der gegenseitigen Beeinflussung durch ver­schiedene Kulturen, er hatte auch viele Nachteile, vor allem wenn man Beamter war und immer wieder versetzt werden konnte. Zu den Kosten der Übersiedlungen kam noch die Sorge um die Ausbildungsmöglichkeiten der Kinder, besonders wenn ein Universitätsstudium geplant war.

Die Familie Netolitzky war seit dem frühen 18. Jahrhundert in Rokitnitz (Ostböhmen) ansässig und wohlangesehen. Rokitnitz war bis zum Ende des Ersten Weltkrieges ein rein deutschsprachiger Ort, wo der Großvater von Fritz Netolitzky neben der Land­wirtschaft das Gewerbe des Lebzelters und Wachsziehers ausübte. Seine beiden Brüder waren aber bereits Ärzte. Einer von ihnen folgte in dieser Funktion nach den napoleonischen Kriegen einem russischen Fürsten auf dessen Güter in der Nähe von Kiew und verblieb dort. Dieser „russische Onkel“ spielte in der Familientradition eine große Rolle und wurde immer für den „Zug in die weite Welt“ verantwortlich gemacht, dem auch Fritz Netolitzky letztlich nachgegeben hat.

Die Eltern der Autoren waren Dr. med. August Netolitzky und Hedwig v. Stein aus Berlin. August Netolitzky studierte in Prag und heiratete dort die Tochter des Universitäts­professors der Zoologie, Friedrich Ritter von Stein, der aus einer Pastorenfamilie in der Mark Brandenburg stammte. 

Dieser Ehe entstammen sieben Kinder, die ältesten drei sind das Autorenteam, das für den Aegyptischen Struwwelpeter verantwortlich zeichnet. Magdalene, die Älteste, wurde am 4. September 1872 geboren, Richard am 19. September 1873 und Fritz am 1. Oktober 1875 in Zwickau in Böhmen.

Die Kindheit im zahlreichen Geschwisterkreis in verschiedenen deutschen und tsche­chischen Städten Böhmens war eine sehr glückliche und naturverbundene, fast ohne jeden gesellschaftlichen Schliff. Als besonders charakteristisch empfand Fritz einen Wunschtraum, den er im Alter von ca. 10 Jahren hatte. Er lag auf einer Wiese und hatte den unvorstellbaren Wunsch, einmal alles Lebendige auf einem Quadratmeter Wiese zu kennen und zu benennen – ein Wunschtraum, dessen Erfüllung wohl einige Spezialisten in Atem halten würde, wie er im Alter resigniert hinzufügte.

Studium und Werdegang von Fritz Netolitzky

Sein Vater wurde als Arzt und Beamter der Monarchie immer wieder versetzt, was kostspielige Übersiedlungen und mehrmaligen Schulwechsel zur Folge hatte. Das humani­stische Gymnasium begann er in Eger (heute: Cheb, ganz im Westen Tschechiens) und es machte ihm mehr Mühe als Freude. In Eger wurde Deutsch gesprochen, er aber hatte in der Volksschule drei Jahre Tschechisch und nur ein Jahr Deutsch als Unterrichtssprache gehabt. Nun kam zu diesen Schwierigkeiten noch das Unglück, in Latein und Griechisch einen „pädagogisch unerfreulichen Lehrer“ zu haben. Es war aber bezeichnend für ihn, dass er diesen Mann, unter dessen Verständnislosigkeit er oft litt, immer als „typisch magenleidend und daher verbittert“,entschuldigte. Die humanistische Bildung war für ihn trotz der eigenen schlechten Erfahrung etwas, das er später ebenso für seine eigenen Kinder wünschte. Mit der Freiheit und Ungebundenheit, die er bisher genossen hatte, war es im Gymnasium vorbei, Basteln und Sammeln blieben aber trotzdem seine Leidenschaft. Die wilden Bubenspiele mit seinen Freunden und Bruder Richard wurden abgelöst vom Schwimmen, Eislaufen, Turnen und Radfahren, später kamen noch Bergsteigen und Schi­fahren dazu. Als Student wurde er auch zum eifrigen Fotografen, der immer wieder Fotos im Familienkreis machte. 

Da der Vater in der Zwischenzeit wieder einmal versetzt worden war, diesmal ins Ministerium nach Wien, verbrachte er die letzten zwei Gymnasialjahre in Prag, fern von der Familie. Er wohnte allerdings als Pensionär zusammen mit einer Cousine bei Großmutter Emma von Stein, eine Lösung des Schulproblems, die damals weit verbreitet war. Von dieser Cousine stammt vermutlich auch das erste „Liebespfand“, nämlich eine Haarlocke, die sich heute noch im Besitz seiner Enkelin befindet. Im Prager Gymnasium rückte er unter anderen Lehrern zum besseren Durchschnitt auf und bestand die Matura am 13. Juli 1893 leicht.

Fritz folgte der Familie nach Wien und begann dort im Herbst d. J. das Studium der Medizin, so dass die ganze Familie wieder vereint war. Dort konnte nun das traute Familien­leben – unter äußerst knappen Verhältnissen – wieder aufgenommen werden. Fritz führte sehr regelmäßig und genau Tagebuch und vermittelt einen sehr lebendigen Eindruck von den finanziellen Sorgen und Nöten der Familie, aber auch seine persönlichen Geldprobleme notierte er gewissenhaft. So hatte er z. B. kein Geld, um ein neues Heft für seine Tagebuchaufzeichnungen zu kaufen. Er machte nur kurze Notizen auf Zetteln, die er dann summarisch im Tagebuch nachtrug. Auch eine kostspielige Zahnbehandlung muss monate­lang aus Geldmangel aufgeschoben werden. Trotzdem herrschte in der Familie ein heiterer und liebevoller Umgangston. Die harmlosen Vergnügungen im Winter waren Eislaufen auf dem vom Hausmeister aufgeschütteten Wasser im Hof des Hauses oder Ausflüge mit Freunden mit der Dampftramway nach Nußdorf, einer bis 1892 selbständigen Vorortgemeinde von Wien. Die jüngste Schwester Emma wurde fürsorglich möglichst immer „vom Turnen abge­holt“. Dieser Turnunterricht erfolgte vermutlich in einem der damals zahlreichen Turnvereine. Dem „Wiener Akademischen Turnverein“ gehörte auch Fritz Netolitzky an. Diese Turnvereine wurden an Universitäten gegründet und hatten eine ganz ähn­liche Struktur wie die Studentenverbindungen der damaligen Zeit. Dieser brüderliche Liebes­dienst hatte aber nun auch den Vorteil, dass man Freunde und andere Mädchen traf, unter ihnen auch meine Großtante Kitty von Gunz, eine Cousine meines Großvaters mütterlicherseits. Im Tagebuch wurde vermerkt: „… Wir mußten die Emma von Gunzens abholen. Die Mädeln sollen ganz hübsch sein, ich habe sie fast nicht gesehen, Emma aber meinte, wir (gemeint sind Fritz und Bruder Richard) sollten jeder eine nehmen (es gab nämlich drei Schwestern). Was die Weiber immer gleich für Gedanken haben. …“

Nach der neuerlichen Versetzung des Vaters blieben die Studenten Fritz und Richard in Wien und wurden von „Tante Gersuny“, wie man sie nannte, unter die Fittiche genommen, d. h. sie sorgte bisweilen für die Wäsche oder lud die Brüder zum Essen ein. Sie nahmen auch weiterhin am Französisch- und Englischunterricht teil, der in ihrem Haus stattfand. In ihrem Haus wurden sie in die Ge­sellschaft, nicht zuletzt durch den Tanzunterricht, eingeführt. Frau Gersuny ließ sogar den in knappsten Verhältnissen lebenden Brüdern manchmal 5 Gulden zukommen, „damit sie sich auf den Bällen besser unterhalten können“. Diese Verbindung war für die Entstehung des Aegyptischen Struwwelpeters von entscheidender Bedeutung.

Am 23. März 1899 wurde Fritz zum Doktor der gesamten Heilkunde promoviert und diente anschließend daran als Einjährig-Freiwilliger bei den Kaiserjägern, einer Elitetruppe der Monarchie, in Wien und dann als Assistenzarztstellvertreter in Innsbruck. Hier war er von 1899 bis 1904 Assistent am Pharmakologischen Institut der Universität. In dieser Zeit legte er auch die Physikatsprüfung ab, die ihn berechtigte, die Stelle eines Amtsarztes zu übernehmen. Einen anschließenden einjährigen Urlaub verwendete er zu einer Studienreise als Schiffsarzt eines kleinen Dampfers der deutschen „Kosmos-Linie“ in Hamburg, längs der Westküste Südamerikas. Diese Gelegenheit war ein ausgesprochener Glücksfall, denn normalerweise mussten die Schiffsärzte mehrjährige Verträge abschließen, in diesem Fall beschränkte sich der Vertrag auf eine bestimmte Reise. Darüber berichtete er später in den „Innsbrucker Nach­richten“ vom 12. Februar 1903. Nach seiner Rückkehr 1902 arbeitete er ein Semester lang an der Universität Straßburg im Pharmakologischen Institut und am Institut für physiologische Chemie. 

1904 erfolgte seine Ernennung zum Assistenten an der „Kaiserlich-Königlichen allgemeinen Unter­suchungsanstalt für Lebensmittel“ in Graz, die mit dem Hygienischen Institut der Universität verbunden war. Er habilitierte sich im darauffolgenden Jahr für Pharmakognosie und Mikro­skopie der Nahrungsmittel an der Grazer Universität und kam 1910 als Adjunkt an die Unter­suchungsanstalt für Lebensmittel der damals noch österreichischen Universität Czernowitz, wobei seine Venia Docendi an die dortige Universität übertragen wurde. 1912 wurde er hier zum wirklichen a. o. Professor für Pharmakognosie ernannt. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterbrach 1914 seine Tätigkeit in Czernowitz, da er zum Kriegsdienst einrückte. Kurz vor Kriegsende wurde er zum Mitglied des Fachkommittees des kaiserlich-königlichen Amtes für Volksernährung ernannt und der Landwirtschaftlich-chemischen Versuchsstation in Wien zugeteilt. 

Nach dem Zusammenbruch der Monarchie im November 1918 ging er wieder nach Czernowitz, um dort im Einvernehmen mit der österreichischen Unterrichtsbehörde an der inzwischen rumänisch gewordenen Universität seine frühere Professur zu übernehmen. 

Bereits 1904 hatte Fritz Netolitzky Katharina Edle von Gunz (1880 – 1935), eine Cousine meines Großvaters, geheiratet. Aus dieser sehr glücklichen Ehe waren bereits fünf Kinder vorhanden, und nun wiederholte sich für ihn das Problem, vor das auch sein Vater gestellt gewesen war: eine möglichst gute, deutschsprachige, wenn möglich humanistische Erziehung. Das alles ließ sich unter den unsicheren politischen Verhältnissen und bei knappen Geldmitteln nur schwer oder gar nicht verwirklichen. So entschied er sich 1919 in Czernowitz zu bleiben, während die Familie nach Wien zurückkehrte. Uninfor­mierte Leute hielten die Ehe sogar für geschieden. Zwei Drittel des Jahres lebte er in seinem Institut in Czernowitz: ein schmales Feldbett und mäßige Betreuung durch einen ältlichen Diener, Essen in einer bescheidenen Gastwirtschaft, das dritte Drittel – die Hochschulferien – verbrachte er in Wien bei Frau und Kindern. Die Situation für seine Familie war äußerst schwierig, die Zeiten waren schlecht und außerdem konnte sein Gehalt nicht legal überwiesen werden. Trotz dieser widrigen Umstände absolvierten vier seiner fünf Kinder ein Hochschulstudium.

1935 starb seine Frau, aber die leidenschaftliche Sehnsucht nach einem behaglichen Zuhause veranlasste ihn, 1939 wieder zu heiraten. Seine zweite Frau war eine langjährige Bekannte, eine Kriegerwitwe aus dem Ersten Weltkrieg. Als die Russen 1940 die Bukowina und damit auch Czernowitz besetzten, befand er sich mit seiner Frau glücklicherweise gerade außerhalb der Stadt. Unter Zurücklassung ihrer ge­samten Habe flüchteten sie zu Fuß über das Gebirge in das rumänisch gebliebene Sieben­bürgen, nach Hermannstadt (heute: Sibiu). Dort wurde er Ende des Jahres infolge Erreichung der Alters­grenze von 65 Jahren von der rumänischen Unterrichtsbehörde in den Ruhestand versetzt. Nach einer kurzen Zeit im polnischen Łódź konnte er im Sommer 1941 mit seiner Frau zurück nach Wien übersiedeln. Am 5. Januar 1945 setzte ein Herzschlag auf offener Straße seinem arbeitsreichen Leben ein plötzliches Ende. Bei Durchsicht der Titel seiner wissenschaftlichen Arbeiten ist eine Affinität zu den alten Ägyptern übrigens nicht zu übersehen. Ein fast vollständiges Verzeichnis derselben befindet sich in der Bibliothek der Zoologisch-botanischen Gesellschaft in Wien.

Entstehung des Aegyptischen Struwwelpeter

Tagebucheintragung vom Donnerstag den 19. October 1893

„Als ich um 2 Uhr aus den Vorlesungen kam, erwartete mich die furchtbare Nach­richt, daß ich die Tanzstunde bei Gersunys besuchen müsse, wo Billroths, Nothnagels, Tolds etc. Unterricht nehmen werden. Das wird schön werden, ich gratuliere. Andere Schmerzen haben die nicht! …“

Was hat nun diese Tanzstunde bei Gersunys mit dem Aegyptischen Struwwelpeter zu tun? Tanzen zu können gehörte damals einfach zur Erziehung ab einer gewissen sozialen Schicht. Dieses Problem wurde meist so gelöst, dass befreundete Familien abwechselnd in den eigenen Räumen oder immer bei derselben Familie private Tanzstunden abhielten. Sie engagierten dazu einen „Tanzmeister“ und einen Klavierspieler, und das Vergnügen konnte beginnen. Richard Netolitzky schreibt in seinen „Erinnerungen“ dazu: „ … bei ihnen lebte sein Neffe Edmund Gersuny (Eltern gestorben) und seine schwerhörige Mutter. Der junge Gersuny besuchte das Gymnasium in Seitenstetten (Niederösterreich) [das 1814 gegründete Stiftsgymnasium der Benediktiner]. … Frau Gersuny war den Mitschülern ihres Neffen Edmund sehr zugetan. Um die alten Beziehungen mit der Jugend nicht einschlafen zu lassen, veranstaltete Tante Gersuny (so hieß sie allgemein) eine Tanzstunde in ihrer Wohnung, wo sich die erwähnten Kameraden ein Mal wöchentlich zum Tanzeinüben treffen konnten, aber auch andere junge Leute aus gut ausgewählten Familien (hauptsächlich die Mädchen, denn Herren waren genug da) fanden sich ein. Da gab es zwei Töchter Billroth, eine Tochter Nothnagel, zwei Geschwister von Thausing, zwei Geschwister Holzknecht, zwei Geschwister Netolitzky (Fritz und Emma). Schwester Magdalene und ich (Richard) wurden als über die Altersgrenze hinaus nur zu den monatlichen ‚Verlängerten Tanzstunden’ empfangen. … Getanzt hab ich nicht viel, zog mich meist mit Edmund zurück zum Wein, …“

Wer waren aber „Gersunys“, bei denen Fritz und Emma die Tanzstunde besuchten? Dr. Robert Gersuny (1844–1924) war ein angesehener Wiener Arzt, ein Chirurg, der eng mit Theodor Billroth zusammenarbeitete. Theodor Billroth (1829–1894) war ein bedeutendes Mitglied der Wiener Medizinischen Schule, der Bahnbrechendes leistete. Unter anderem führte er die Mischnarkose aus Äther und Chloroform ein und erfand den sgn. „Billroth-Batist“, einen wasserdichten Verbandsstoff. Die wirkungsvollste Einrich­tung, die auf seine Initiative zurückgeht und auch heute noch besteht, ist das „Rudolfinerhaus“. Diese Ausbildungsstätte geht auf eine Stiftung des Thronfolgers Kronprinz Rudolf zurück. Es ist dies eine Schule zur Heranbildung von Krankenpflegerinnen, die Billroth selbst bis zu seinem plötzlichen Tod leitete. Dr. Gersuny übernahm nach Billroths Tod die Leitung der Anstalt. Er entwickelte aber auch chirurgische und gynäkologische Ope­rationsmethoden, und auf dem Gebiet der plastischen Chirurgie war er führend.

Die Familien Netolitzky und Gersuny waren über den Beruf der Väter schon lange befreundet und auch der Vater der späteren Frau von Fritz Netolitzky – meiner Großtante – war ein bekannter Wiener Arzt, der sich besonders der Armen annahm. Gersunys führten ein gastfreundliches Haus, in dem zahlreiche bekannte und bedeutende Per­sönlichkeiten der Wiener Gesellschaft verkehrten, unter ihnen auch die Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916). 

Interessanterweise bringen sie am Nachmittag des 24. Dezember 1893 ein Buch ins Haus Gersuny, im Tagebuch heißt es dazu:

„ … Nachmittag mußten wir selbst aber hin, da wir einen Strubelpeter hinbringen mußten, den die Magda auf dem Heimwege gekauft hatte, da der Edmund keinen gefunden hatte. Wahrscheinlich hat er ihn in Caffehäusern gesucht. …“

Für wen dieses Buch bestimmt ist, geht nicht hervor, vermutlich für ein kleines Kind im Bekanntenkreis der Gersunys. 

Weiter heißt es nun im Tagebuch über die Feier im Familienkreis: „Die Feier selbst war sehr schön und von allen Geschenken, wie sehr mich auch jedes einzelne freute, rührte mich besonders ein Geschenk der Gersuny, ein Buch! Man sollte es nicht glauben, da frißt und säuft man wie ein Scheunendrescher, tanzt ganz umsonst und dann macht sie einem noch Geschenke! Da muß man ihr auch einen Gefallen tun! Aber was? … Ja, auch Richard und Magda haben Bücher von der Gersuny, der ,Tanztante’ bekommen…“

Am 26. Dezember heißt es: „ …Für die Gersuny wollen wir einen ägyptischen Strubel­peter [sic!]machen. Den ,bitterbösen’ Friederich haben wir schon. Meine Idee. …“

 27. Dezember 1893: „ … Abends holten wir die Emma vom Turnen ab, und während wir so warteten und den Strubelpeter besprachen, kam mir der gloriose Gedanke, den ,Hans Guckindieluft’ in ein Mädchen zu verwandeln, welches sich nach Studenten umdreht. Der ganze Gedanke stammt überhaupt von mir, das kann famos werden. …“

29. Dezember 1893: „ …,Der ,Robert’ für die Gersuny wird in einen verwandelt, der mit der Krinoline seiner Mutter im Samum herumläuft. (Auch meine Idee, Richard führt es immer aus … Hätten wir Geld gehabt, so hätten wir bei einem Schoppen (ein Glas Wein oder Bier) über den Strubelpeter nachgedacht, so mußten wir aber schön nach Haus gehen, wo wir dann eine Partie Halma spielten.“

30. Dezember 1893: „ … Beim Lernen rauchte ich die Pfeifenspitze von Richard an, wobei mir der Gedanke kam, aus [recte: dass] Paulinchen in einen verwandelt wird, der über die Pfeife von seinem Vater kommt, und Richard machte aus dem Suppenkaspar den Walzer­ramses.“

In die Universitätsbibliothek und in den Rede- und Leseverein der deutschen Hoch­schüler in Wien „Germania“ gehen die Brüder zwecks Studien, aber auch zum Privatver­gnügen. Sie lesen dort in vorlesungsfreier Zeit und entlehnen Bücher. Am 5. Jänner 1894 sind sie in der Universitätsbibliothek, „ … wo Richard im Uhlemann zum Strubelpeter suchte, während ich in einer zweibändigen Geschichte Indiens blätterte. Dann machte ich mich auch über Ägypten her und das Buch fesselte mich derart, dass ich mir vornahm, bald wieder drin zu lesen.“

Am 10. Jänner 1894 steht im Tagebuch „ … und die Magda zeichnete einige Bilder zum Strubelpeter, die auch sehr gut sind, da sich Magda im Museum (Kaiserlich-Königliches Hofmuseum) von Originalen Copien gemacht hat. Bei diesen Originalen handelt es sich um die bereits er­wähnten Malereien von Ernst Weidenbach, die auch heute noch zu bewundern sind.

Eifrig trugen die Geschwister Informationen über Ägypten aus verschiedenen Büchern zusammen, damit alles seine Richtigkeit hätte, und die Arbeit nahm in der Freizeit ihren Fortgang.

Sonntag, 28. Jänner 1894: „ … Während Richard unten im Garten lernte, schlief ich auf dem Sofa den Schlaf des Gerechten, bis ich endlich um 4 Uhr des Guten genug getan hatte und einige Blätter für den Strubelpeter anfertigte.“

Freitag, 2. Februar 1894: „ … Statt ins Kaffee zu gehen, wie wir zuerst vorhatten, ar­beiteten wir am Strubelpeter, der ja bis Ende Feber fertig sein muß. Papa scheint es selbst zu gefallen.“

Samstag, 3. Februar 1894: „ … Dann wurde gefaulenzt und Papier für den Struwwel­peter fabriziert, bis wir ins Bureau um Correcturen gehen mußten …“

Das Motto in einem der Tagebücher von Fritz lautet: „Ein schlechter Spiegel, der nur das Schöne zeigt. Noch schlechter ein Tagebuch, welches die Fehler verschweigt.“ Getreu diesem Wahlspruch trug er auch seine Gedanken über verschiedene Mädchen ein, die ihm gefallen, so gibt es auch einen Eintrag über meine Großtante: „ … aus diesem Grund ver­säumten wir auch Gunzens, was mir leid tat, da ich die Kitti gern kennen gelernt hätte, in welche ich verliebt zu sein scheine, ohne sie gesehen zu haben. Das ist doch zu dumm, ei­gentlich schon blöd. …“ (Es dauert übrigens noch mehr als 10 Jahre, bis Fritz Netolitzky am 10. November 1904 meine Großtante heiratet.)

Als die Nachricht vom Tod Prof. Billroths (6. Februar 1894 in Abbazia/Opatija) in Wien eintraf, endete auch die Tanz­stunde bei Gersunys, was Fritz außerordentlich bedauerte. Die Bemerkungen über seinen Ein­stellungswandel lassen fast vermuten, dass er das Vorbild für den „Walzer-Ramses“ gewesen ist. 

Sonntag, 25. Februar 1894: „ … Nachmittag ,machte’ ich Papier für den Strubelpeter und faulenzte dann in einer furchtbaren Weise, was einem sehr wohl tut, wenn man sich die ganze Woche geschunden hat“. 

Brief von Hedwig Netolitzky (der Mutter der drei Autoren) vom 11. März 1894:   „ … Magda malt an ihrem Struwwelpeter für Frau Gersuny, der jetzt lange still gelegen, die rechte Lust fehlt jetzt eben dazu … “

Brief von Hedwig Netolitzky (der Mutter der drei Autoren) vom August 1894: „ … die Geschichte mit dem Struwwelpeter hat uns sehr gefreut, doch darf man nicht zu viel Wert darauf legen. Gersuny schrieb, daß er bei seiner Rückkunft mit Magda sprechen wollte, dass im Herbst 95 dann wohl das Buch erscheinen könnte, an dem aber doch noch einzelne Veränderungen vorgenommen werden müßten, da sich ja Einzelnes nicht für einen größeren Kreis eignet, im Ganzen sind das aber doch nur Kleinigkeiten und ich würde mich so freuen für die Kinder; besonders für Magda, die ja stets so bescheiden ist. …“

Tagebuch von Fritz, October 1894: „ … Außerordentlich nahm die ganze Familie der Struwelpeter in Anspruch, der wirklich ganz hübsch zu werden versprach und an welchem wir alle unsere Freude hatten. Ich fabriziere das Papier, Richard die Gedichte und Magda malt es in grellen Farben, ihrer Phantasie vollen Spielraum lassend. Am Sonntag 7/10 wurde er durch mich und die Emma der Frau Gersuny gebracht, doch sah sie ihn erst an, als wir schon weg waren. … In diesem Monat begannen auch die französischen Stunden, die uns zuerst immer mit Furcht und Schrecken erfüllten, bis wir endlich die Technik heraushatten, bei welcher wir am besten, das Lernen aber minder gut weg kam. Wir unterhielten uns fleißig deutsch und lernten doch dabei so viel, daß wir nach einigen Monaten ziemlich viel verstanden. Die Frau Gersuny zahlt die Stunden, ‚um der Französin aufzuhelfen’. …“

Vom 12. April 1895 existiert noch eine Origi­nalvisitenkarte von Dr. Gersuny, auf der er Magda Folgendes mitteilt: Liebes Fräulein Magda! Der Verleger möchte das egyptische Buch Ende April nach Leipzig nehmen, jedoch verlangt er die Aenderung des Titels in Egypt. Struwwelpeter und als erstes Blatt statt des Gigerl-Typhon ein dem Titel entsprechendes. Wird die Autoren-Compagnie dies leisten wollen? Herzlichen Gruß! R. Gersuny

Typhon ist eigentlich eine Gottheit der griechischen Mythologie, und zwar der jüngste Sohn von Gea und Tartaros. Er wird als Riese mit 100köpfigen Schlangen- oder Drachenköpfen dar­gestellt und wurde später von den Griechen mit Gott Seth identifiziert.

Tagebucheintrag von Hedwig Netolitzky vom 10. August 1895: „ … Dr. Gersuny brachte das 1. Exemplar … “ 

27. Oktober 1895: Dr. Gersuny überbringt fl. 150,- Gulden als Honorar für die Autoren-Compagnie. Die Freude der Geschwister war riesig, auch wenn sie noch keine Exemplare in der Hand hatten, sind sie doch für die nächsten Tage versprochen. Lithographie und Druck erfolgten bei Nister in Nürnberg, verlegt wurde bei Gerold’s Sohn in Wien. 

Wer veranlasste nun den Druck dieser Parodie? Frau Gersuny legte das originelle Ge­schenk im Salon zur Ansicht auf, um es ihren Gästen zu zeigen. Der Überlieferung zufolge hätte Marie von Ebner-Eschenbach ihren Verleger Gerold’s Sohn dazu überredet, infolge ungenügender rechtlicher Absicherung sei es aber zur Klage von Rütten & Loening, dem Originalverlag des Struwwelpeters, gekommen. In der Verlagsgeschichte von Rütten & Loening, die ich auf Hinweise bezüglich der Plagiatsklage gelesen habe, findet sich nicht ein einziger Hinweis auf diese Sache. Ich fürchte auch, dass in den Archiven keine Un­terlagen mehr diesbezüglich vorhanden sind. Der Verlag wechselte nämlich mehrmals im Verlauf seines Bestehens den Sitz, sowohl innerhalb Frankfurts als auch innerhalb Deutsch­lands. Die größten Verluste im Verlagsarchiv entstanden in den letzten Kriegsmonaten. Nach Templin ausgelagertes Material (ca. 60 km nördl. von Berlin), war „zum Zuschütten von Luft­schutzgräben im Wald“ verwendet worden. Als man es endlich wieder ausgraben konnte und wollte, war es zum Großteil verdorben. Weitaus kostbarere Dinge als ein diesbezüglicher Briefwechsel gingen dabei zugrunde, nämlich Bücher, Originalmanuskripte, Verträge u.v.a.

Das Archiv von Gerold’s Sohn befindet sich in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek. Frau Dr. Luitgard Knoll, eine Enkelin von Fritz Netolitzky, hat schon 1975, anlässlich der Neuauflage bei Kindler in Mün­chen, die Materialien für den betreffenden Zeitraum durchforscht, fand aber leider auch keinen Hinweis auf den Vorfall.

Nach dem Tode Frau Gersunys kam das Original des Aegyptischen Struwwelpeters an die Familie von Magda Netolitzky, verh. Kuzmany, zurück. Dort existierte es auch bis April 1945, bis durch einen Bombentreffer die Wohnung ausbrannte und auch das Original, der sgn. „Urstruwwelpeter“ verbrannte. Der Verlust ist umso bedauerlicher, als es im Original eine Geschichte mehr gab, als in der gedruckten Ausgabe, und zwar zum Zappel-Philipp. In dieser Geschichte wurde die Rekrutenausbildung verulkt, und 1895 war es auch in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie nicht ratsam, die heilige Institution Militär zu persiflieren. Mündlich über­liefert ist nur die letzte Zeile, und die klingt frevelhaft genug: „Pereat das Militär!“ (d.h.: Nieder mit dem Militär!) Ebenso ging damit ein pseudo-wissenschaftliches Vorwort verloren, in dem erklärt wurde, der Frankfurter Struwwelpeter sei eine Nachahmung des „Aegyptischen Struwwelpeter“, der aufgefundene Papyrus, der die Vorlage für das Buch gewesen sei, sei natürlich viel älter!

Der Plagiats-Prozess

Angeregt durch einen Vortrag im Jahr 2012, im Rahmen des jährlichen Treffens des „Freundeskreis Struwwelpeter-Museum“ beschäftigte ich mich wieder intensiv mit der überlieferten Entstehungsgeschichte des Buches[ii]. In der wird berichtet, dass wie bereits erwähnt Marie von Ebner-Eschenbach eine entscheidende Rolle bei der Herausgabe des Buches gespielt hätte. Auch die Version vom Geburtstagsgeschenk für „Tante Bertha“ war fester Bestandteil der familiären Überlieferung. Große Unklarheit gab es auch wegen des bereits erwähnten Plagiatsprozesses, der von Rütten & Loening angestrengt worden war, von dessen genauem Ausgang bisher keine gesicherten Fakten bekannt waren.  Die hohen Preise, die das Buch in Antiquariaten und bei Auktionen erzielte, beruhten auf den angeblich „wenigen Exemplaren“, die erhalten geblieben seien. Die Auflage hätte eingestampft werden müssen laut gerichtlichem Bescheid.

Sofort dachte ich an die kurze Nachricht an Magdalena Netolitzky vom 12. April 1895, die sie auf einer Visitenkarte von Dr. Gersuny, dem Ehemann der Beschenkten, erhalten hatte. Er fragt bei ihr an, ob die „Autoren-Compagnie“ den vom Verleger vorgeschlagenen Änderungen bezüglich Titel und Illustration zustimmt. Warum wandte sich der Verleger an Gersuny, wenn die Verbindung angeblich doch durch Ebner-Eschenbach entstanden war, wie es in der Familie überliefert ist? Wäre das tatsächlich der Fall gewesen, hätte Gerold sich bestimmt direkt an die Familie Netolitzky gewandt. Gersuny als Vermittler war logisch, weil dieser selbst als Autor bei Gerold‘s Sohn betreut wurde, wie Dr. Sauer herausgefunden hatte. Ebner-Eschenbach hatte laut ihm andere Verleger. Gersuny ist es auch, der den Geschwistern Netolitzky das erste Exemplar und fl. 150.- Honorar überbringt, wie Fritz Netolitzky in seinen Tagebüchern vermerkte.

Darin gibt es einen Eintrag vom 11. April 1896, als er bei den Verwandten in Rokitnitz ist: „ … Ich wurde sehr freundlich, wie immer, aufgenommen, mußte viel erzählen, erfuhr dafür meinerseits auch manches, z. B. daß der Struwelpeter frei gegeben worden sei.“  Dieser Satz beschäftigte mich schon lange, er war aber quasi eine Sackgasse, ich fand keine beweisbare Erklärung dafür. Ich wandte mich an einen Klassenkollegen, einen Juristen und Historiker, um Rat. Bevor das noch tatsächlich geschehen war, erhielt ich Mitte November 2012 Nachricht von einem Mitglied der Familie Netolitzky. Der Betreffende schrieb, er hätte beim Aufräumen in alten Dokumenten einen Zeitungsartikel gefunden. Er stammt aus dem „Neues Wiener Tagblatt“, (Oster-Dienstag,) 7. April 1896; in der Rubrik „Gerichtssaal“ steht Folgendes:

(Der egyptische Struwwelpeter – freigegeben.) Kurz nach Neujahr berichteten wir, daß dem alten „Struwwelpeter“ eine Concurrenz erwachsen sei, durch den „egyptischen Struwwelpeter“, der zu Weihnachten das Licht der Buchhandlungen erblickt hatte. Das Auftauchen des egyptischen schlimmen Buben hatte nämlich einen Nachdrucksproceß zur Folge, welchen die Frankfurter Verlagsfirma Rutten u. Löning (sic!)gegen die Verlagsanstalt Gerold’s Sohn anstrengte. Letztere Firma zog hierauf dieses Buch kurz nach seinem Erscheinen wieder aus dem Handel. Wie wir nun erfahren, ist auf Grund einer oberlandesgerichtlichen Entscheidung das Verfahren eingestellt [iii] und dem „egyptischen Struwwelpeter“, dessen Verfasserin die junge Tochter eines Wiener Staatsbeamten ist, der Weg in die Kinderstuben freigegeben worden.

Ich konnte mein Glück kaum fassen, ich hatte das Ende des Fadens in der Hand! Ich musste nur den Anfang finden. Von meinem Klassenkollegen wollte ich nun nicht mehr und nicht weniger, als die Einsicht in Gerichtsakten aus dem Jahr 1895/1896, so sie noch vorhanden wären. Inzwischen suchte ich in der Mikrofilmabteilung der Österreichischen Nationalbibliothek im Neuen Wiener Tagblatt nach dem erwähnten Artikel „kurz nach Neujahr“, aber auch nach eventuellen Ankündigungen anlässlich des Erscheinens des Buches vor Weihnachten; November und Dezember 1895 fand sich keine Meldung zur Neuerscheinung. Am 19. Jänner 1896 wurde ich endlich fündig:

Gerichtssaal

(Ein Proceß um den „Struwwelpeter“.) Welchem kleinen Thunichtgut hat die Mutter nicht schon mit dem Struwwelpeter gedroht, bevor das Bürschchen noch lesen konnte? Und wenn es soweit war, hat es sich nicht stundenlang an den so lustigen Bildern unterhalten und den Peter mit den gesträubten langen Haaren und ellenlangen Fingernägeln nicht ausgelacht? Das in der ganzen Welt verbreitete Bilderbuch mit seinen drolligen Reimen hat bekanntlich der Arzt und Kinderfreund Dr. Heinrich Hofmann (sic!) in Frankfurt verfaßt, eben bereitet man die zweihundertste Auflage des „Struwwelpeter“ vor. Da erschien kurz vor Weihnachten ein neues Buch im Handel, „Der egyptische Struwwelpeter“ benannt, in welchem der gute deutsche Peter in Wort und Bild ins Egyptische übertragen erscheint. Aus dem bösen Friedrich(sic!) wird da ein böser „Psammetich“, aus dem großen Niklas ein Osiris, aus dem schlimmen Philipp, der niemals ruhig bei Tische sitzen wollte, ein Thutmes, der die Pyramiden von Gizeh erklettert und auf gräßliche Weise verunglückt.[iv] Der Suppen-Kaspar hat sich in einen Walzer-Rhamses (sic!) verwandelt u.s.w. Ob der egyptische Charakter, den die Struwwelpeter-Figuren in dem neuen Bilderbuche trugen, unserer heutigen Jugend zusagen würde, konnte aber bisher nicht erprobt werden, denn die Verlagshandlung Carl Gerold’s Sohn, bei welcher der egyptische Struwwelpeter erschien, zog unmittelbar vor Weihnachten dieses Buch aus dem Handel. Kurz nach dem Erscheinen desselben hatte nämlich die Frankfurter Verlagshandlung Rütten u. Löning (sic!), welche das Verlagsrecht für den echten Struwwelpeter innehat, beim Landesgerichte eine Klage wegen unbefugten Nachdruckes, begangen durch die Herausgabe des „egyptischen Struwwelpeters“, erhoben. Die Verlagsfirma Gerold zog daraufhin, wie erwähnt, das Buch bis nach Austragung des Processes zurück. Dem Gerichte liegen bereits in dieser Sache zwei Sachverständigengutachten vor, allein dieselben widersprechen einander vollständig. Während in dem einen Gutachten erklärt wird, daß der „egyptische Struwwelpeter“ auf Grundlage des alten deutschen Struwwelpeters geschrieben und der Inhalt theilweise hinübergenommen wurde, behauptet das zweite, daß der „egyptische Struwwelpeter“ ein ganz neues, auf originalen Ideen basirendes (sic!) Buch sei. Ob dieser Proceß vor den Schranken des Gerichtes ausgetragen wird, ist in dem gegenwärtigen Stadium nicht vorauszusehen; jedenfalls machen die Verleger des Dr. Hofmann (sic!) alle Anstrengungen, um die alten, angestammten Rechte ihres Struwwelpeters zu wahren.

(Neues Wiener Tagblatt, 30. Jg. Nr 18; Sonntag, 19. Jänner 1896)

Der Bericht ist z. T. ident mit einem Beitrag in den „Nachrichten aus dem Buchhandel“, Nr. 20 vom 25. Januar 1896, S. 194f.  Die „Nachrichten aus dem Buchhandel“ erschienen in Deutschland sechs Tage nach dem Artikel im „Neuen Wiener Tagblatt“. Der „Struwwelpeter“ war damals weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt, was die vielen Übersetzungen der damaligen Zeit beweisen. Es erstaunt aber doch, dass am 6. Februar 1896 im „Rotterdamsch Nieuwsblad“ der Artikel aus dem „Neuen Wiener Tagblatt“ nahezu gleichlautend übernommen wurde, möglicherweise aber auch aus den „Nachrichten aus dem Buchhandel“.[v]

Mein Klassenkollege fand zwar keine Gerichtsakten, aber eine plausible Erklärung für die Abweisung der Klage und Einstellung des Verfahrens, nämlich ein Gesetz:

Gesetz vom 26. December 1895 (enthalten in dem heute, den 31. December 1895, ausgegebenen XCI. Stück des RGBl. unter der Nr. 197) betreffend das (erste) Urheberrecht an Werken der Literatur, Kunst und Photographie. Mit Zustimmung beider Häuser des Reichsrathes (Herrenhaus und Abgeordnetenhaus) finde Ich (Kaiser Fr. Joseph I.) anzuordnen wie folgt: …. 

II. Abschnitt, Inhalt des Urheberrechtes
 a) Bei Werken der Literatur, § 24, Abs. 3: Als Eingriff in das Urheberrecht (Nachdruck) ist insbesondere anzusehen: … die Herausgabe eines Auszuges oder einer Bearbeitung, welche nur das fremde Werk oder dessen Bestandtheile[vi] wiedergibt, ohne die Eigenschaft eines Originalwerkes zu besitzen; … 

Was hieß das nun für den Aegyptischen Struwwelpeter? 

  • Es handelt sich eindeutig um ein Werk der Literatur
  • Es gibt keine Bestandteile des Originals wieder, es ist eine BEARBEITUNG mit Originalität; eine solche konnte im Bereich der Österreichisch-Ungarischen Monarchie OHNE Zustimmung des ursprünglichen Autors und Verlags veröffentlicht werden.
  • Im Deutschen Reich war die Bearbeitung von literarischen Werken von der Zustimmung des Autors abhängig.
  • Dieses Gesetz galt auch im Verhältnis deutsches        Werk/österreichische Bearbeitung und wurde in der folgenden       Literatur-Konvention zwischen Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich nicht verändert.

In der „Österreichischen Buchhändler-Correspondenz“ fand sich im entsprechenden 37. Jg/1896 keinerlei Hinweis auf diesen Prozess und so ist wohl davon auszugehen, dass die Sache mit dieser oberlandesgerichtlichen Entscheidung ein glückliches Ende fand.

Mein Jagdinstinkt ließ mich weitersuchen, diesmal in der „Wiener Zeitung“. Ich suchte die oben erwähnte Kundmachung des Gesetzes und fand sie in der Nr. 302 vom 31. Dezember 1895 im „Amtlicher Theil“. Es wurde am 26. Dezember beschlossen und trat sofort in Kraft. Sein § 65 lautet nämlich: „Das gegenwärtige Gesetz tritt mit dem Tag seiner Kundmachung in Wirksamkeit. Es findet auf die vor[vii] Beginn seiner Wirksamkeit erschienenen Werke Anwendung; jedoch bleiben für solche Werke die bisherigen Schutzfristen, insoweit sie länger sind, aufrecht.“  Der Tag der Kundmachung war der 26. Dezember 1895.

Ich hoffte außerdem auch noch auf einen Hinweis auf die Neuerscheinung im Verlag Gerold’s Sohn, bei dem das Verlegen von Kinderbüchern ja nicht das tägliche Geschäft war. Ich wollte einfach nicht glauben, dass dieses Buch ohne Vorankündigung, einfach nur so, in den Buchhandlungen verkauft worden sein sollte. Meine Hartnäckigkeit wurde belohnt: 


Wiener Zeitung Nr. 268, Dienstag 19. November 1895, p. 5

In der Rubrik „Kleine Chronik“ findet sich folgender Eintrag:

(Der ägyptische Struwelpeter) (sic!) Ein lustiges Bilderbuch bringt der Verlag von C. Gerold‘s Sohn in Wien mit dem „ägyptischen Struwelpeter“ (sic!) auf den Weihnachtsmarkt. Kinder und vielleicht auch Unterhaltung suchende Erwachsene werden sich an den alten Geschichten mit ihren flotten bunten Bildern in „ägyptischem Styl“ erheitern und ergötzen.

Ich hatte den Anfang des Fadens gefunden!

Die Lebensdaten von Frau Bertha Gersuny waren immer noch nicht geklärt und damit auch nicht ihr Geburtstag. Wie so oft, sollte sich das Internet hilfreich erweisen. Dort existiert ein Verzeichnis der auf Wiener Friedhöfen begrabener Personen. Ich hatte keinen Grund zu zweifeln, dass Gersunys nicht in Wien begraben worden wären. Die Lebensdaten von Richard Gersuny fanden sich im ÖBL[viii]  und mit diesem Basiswissen startete ich die Suche in der Datenbank der Wiener Friedhöfe. Gleich der erste Versuch war ein Volltreffer: Das Ehepaar Gersuny liegt am Friedhof Dornbach, Gruppe 14, Reihe 3, Grabnummer 35. Dr. Robert Gersuny starb am 31. 10. 1924 und wurde am 3.11. 1924 beigesetzt. Frau Bertha Gersuny ist am 05. 04. 1900 verstorben und wurde am 07. 04. 1900 beigesetzt. Die genauen Lebensdaten waren leider nicht vermerkt, aber das Alter der Verstorbenen war mit 56 Jahren angegeben. Dazu bekam ich noch einen Hinweis vom Kundenservice, wo eventuell genaue Lebensdaten zu erfahren sein könnten, u. z. im Wiener Stadt- und Landesarchiv. Dort gäbe es möglicher Weise noch die Verlassenschaftsakte. Meine Anfrage dort war zum Teil erfolgreich: Von Robert Gersuny existierte kein entsprechender Akt, aber von Bertha Gersuny. Der in z. T. leserlicher und z. T. unleserlicher Schrift abgefasste Verlassenschaftsakt verriet mir, dass Frau Gersuny eine geborene Bertha Götzl aus Lauterbach in Böhmen/Kreis Teplitz war, dass sie keine leiblichen Nachkommen, aber eine zahlreiche Verwandtschaft hatte, die erbberechtigt war. Das gesuchte Geburtsdatum fand sich zu meiner Verwunderung nicht, aber das Alter bei Ableben – 56 Jahre – fand ich bestätigt. Ich rechnete und stellte fest, dass Frau Gersuny vermutlich genauso alt gewesen war, wie ihr Mann: waren beide 1844 geboren? Robert Gersuny wurde am 15. Jänner 1844 geboren, das ist sicher. 

Dr. Sauer rätselte in seinem Vortrag in der „Gar traurigen Geschichte vom Rauchtabak“ am Datum des Dekrets (11. Ahyr), das Minderjährigen und Damen das Rauchen verbietet, ob es vielleicht der Geburtstag von Bertha Gersuny ist. Dieser Tag fällt laut Wikipedia in den September, in der vordynastischen Zeit in den Oktober. Ist der 11. Oktober der Geburtstag von Frau Gersuny, und doch nicht Ende Februar? Dann wäre sie 1843 geboren und somit sogar um 3 Monate älter als ihr Mann. Ihr Alter wird im April 1900 mit 56 Jahren angegeben, d. h. sie war noch nicht 57 Jahre alt bei ihrem Tod.

Die Geburtstage der drei Autoren fallen ebenfalls in die angegebene Zeitspanne für den Ahyr/Hathyr – September oder Oktober; gibt es dazu einen Bezug? Magdalena /4. September, Richard /19. September, Fritz /1. Oktober. 

Eine andere und sehr wahrscheinliche Möglichkeit der „Geschenks-Variante“ gibt es m. E. noch: In einem Brief vom März 1894 schreibt die Mutter der drei Autoren an ihre eigene Mutter, dass die Arbeit am Struwwelpeter lange geruht hätte.  „…Magda malt an ihrem Struwwelpeter für Frau Gersuny, der jetzt lange still gelegen, die rechte Lust fehlt jetzt eben dazu…“  (Das bezieht sich auf den überraschenden Tod von Dr. Billroth am 6. Februar 1894; er war der Vorgesetzte von Robert Gersuny und auch mit Dr. Netolitzky, dem Vater der drei Autoren, befreundet.) War der „Aegyptische Struwwelpeter“ vielleicht gar nicht als Geburtstagsgeschenk geplant, sondern sollte er einfach ein „Dankeschön“ für die Teilnahme an der Tanzstunde und sonstige freundliche Zuwendungen und Einladungen sein?  Ich werde später noch näher darauf eingehen.

Eine Möglichkeit, das Geburtsdatum doch noch fest zustellen blieb noch: die Totenmatrikeln, in denen manchmal die Geburtsdaten der Verstorbenen eingetragen werden. Dazu musste ich die Pfarre ausfindig machen, zu der die Wohnadresse der Gersunys gehörte. In der Annahme, es sei die Pfarre Dornbach – auf diesem Friedhof befindet sich ja das Grab – fuhr ich zum Dornbacher Friedhof. Mit den mir bekannten genauen Angaben zur Lage fand ich das Grab rasch. Meine vage Hoffnung, dass genaue Lebensdaten darauf vermerkt wären, erfüllte sich nicht, also wandte ich mich an die Friedhofsverwaltung. Im dortigen Verzeichnis stellte sich heraus, dass Gersunys nicht zur Pfarre Dornbach gehört hatten, ihre Heimatpfarre war aber leider nicht eingetragen. Ich suchte mit der Wohnadresse im Internet die zugehörige Pfarre und deren Kanzleistunden. Bei einer telefonischen Anfrage wurde mir bestätigt, dass die Lebensdaten in den Matrikeln nicht obligatorisch angegeben worden sind. Bei meinem Besuch in der Pfarrkanzlei fand ich im Totenbuch von 1900 auf der p. 33 den Eintrag zu Bertha Gersuny: sie war am 5. April, 6 Uhr abends verstorben. Todesursache: Neubildung des Bauchfelles – Krebs; Verzeichnet war weiters, dass sie seit 15. Februar 1873 verheiratet war, 56 Jahre war die mir bereits bekannte Altersangabe, und darunter standen noch einige Ziffern, die für mich nicht sofort zu interpretieren waren. Nach dem Vergleich mit anderen Einträgen und einigem Kopfrechnen gelang mir aber die Auflösung: Frau Bertha Gersuny war am 4. April 1844 geboren! Der „Aegyptische Struwwelpeter“ als Geburtstagsgeschenk scheidet daher eindeutig aus!!!

Kehren wir zurück zum Brief von Frau Netolitzky an die Großmutter der drei Autoren und zu dem Hinweis von Fritz, dass das Buch bis Ende Februar fertig sein sollte. Eine andere Erklärung erscheint mir plausibler: Richard Netolitzky berichtet in seinen Erinnerungen über die Tanzstunden bei Gersunys, dass jeweils eine Tanzstunde im Monat eine „verlängerte Tanzstunde“ war, zu der ältere Freunde und Geschwister der Tanzschüler eingeladen wurden. Die Übergabe des Geschenks war laut Tagebuch höchstwahrscheinlich für diese verlängerte Tanzstunde Ende Februar geplant, die sogar als Kostümball gestaltet werden sollte, wie an anderer Stelle erwähnt wird. Mit dem überraschenden Tod von Billroth am 6. Februar 1894 endete die Tanzstunde jedoch. Die Idee wurde aber weiter verfolgt, da Fritz am 25. Februar vermerkte:  … Nachmittag ‚machte‘ ich Papier für den Strubelpeter (sic!) …“  

Zwischen März und August kommt es zu den entscheidenden Gesprächen zwischen Gersuny und seinem Verleger, wie aus einem Brief der Mutter hervorgeht und in einem Brief vom 8. Oktober 1894 berichtet sie Folgendes: „… Gestern hatte Magdalene den Struwwelpeter, der jetzt aber ,Gigerl Typhon‘ heißt, fertig und trug ihn zu Frau Gersuny, …“  Das verspätete „Dankeschön“ für die Tanzstunde wurde also am 7. Oktober 1894 überreicht. Die unterschiedlichen Angaben zu den Personen, die das Geschenk überreichten, konnte ich leider nicht aufklären.

Wiederum in einem Brief der Mutter vom 11. Juni 1895 ist von der oben erwähnten Visitenkarte die Rede und dazugibt es noch weitere Informationen: die Herausgabe des Buches ist für den Oktober 1895 geplant, jedoch auf Grund der hohen Druckkosten nur im Umfang von 16 Blatt. Die witzige Vorrede, nach der der Frankfurter Struwwelpeter nur eine Nachahmung des Aegyptischen sei, bleibt aus Kostengründen weg. Auch die Geschichte über das Militär fällt der verlagsinternen „Zensur“ und dem Sparstift zum Opfer. Das Buch soll unter dem Titel „Aegyptischer Struwwelpeter“ erscheinen. Die von der Druckerei Nister in Nürnberg geforderten Druckkosten von fl. 5000,- seien zu viel[ix], der geplante Verkaufspreis müsse unter einem Gulden liegen und deshalb beträgt das Autorenhonorar nur fl. 150,- und dreißig Freiexemplare. Gersunys bedauern die niedrige Summe, sollte es aber zu einer weiteren Auflage kommen, werde man neu verhandeln und darauf drängen, alle Bilder zu drucken. 

Nach all diesen neuen Erkenntnissen kann man mit relativer Sicherheit annehmen, dass es sich so oder sehr ähnlich abgespielt hat. Der immer wieder kolportierte Plagiatsvorwurf ist durch die oben angeführten Fakten (Urheberrechtsgesetz vom 26. Dezember 1895 und darauf Abweisung der Klage durch das Oberlandesgericht Wien) widerlegt und ein kleiner Mosaikstein in der Geschichte der österreichischen Kinder- und Jugendliteraturforschung kann hinzugefügt werden.

Am 8. August 2013 konnte die „Wiener Zeitung“ – die damals älteste noch erscheinende Tageszeitung der Welt – ihren 310. Geburtstag feiern. Im Rahmen dieser Jubiläumsausgabe erschien in der Beilage „Zeitreisen“ ein Beitrag unter dem Titel „Struwwelpeter im Pharaonenland“, in dem die Entstehungsgeschichte des Buches dargelegt wird.

 

Übersetzungen des „Aegyptischen Struwwelpeter“

The Egyptian Struwwelpeter: being the Struwwelpeter papyrus; with full text and 100 original vignettes from the Vienna papyri; dedicated to children of all ages.

Unter diesem Titel erschien eine englische Übersetzung bei Grevel in London 1896, gedruckt bei Nister in Nürnberg, wo auch die österreichische Ausgabe entstanden war. Zeitgleich erschien auch eine amerikanische Ausgabe bei Stokes in New York, gedruckt ebenfalls bei Nister. Ein Exemplar der englischen Originalausgabe befindet sich in meinem Besitz.

Egyptiläinen Jörö-Jukka

Veikko Pihlajamäki (1921-2006) ist der Übersetzer des Buches ins Finnische, das 1993 in Tampere im Eigenverlag des Übersetzers herausgebracht wurde. Die gesamte Auflage von 1000 Stück wurde verkauft während einer Ausstellung über ägyptische Kunst im Museum in Tampere vom 30. August 1993 bis zum 2. Jänner 1994. Eine 2. Auflage erschien 1999, ebenfalls vom Übersetzer herausgebracht.

Ein mögliches Vorbild für die Bearbeitung des Struwwelpeters und seine Zeitreise in das alte Ägypten könnten auch die drei Aegyptischen Humoresken von Carl Maria Seyppel (1847–1913) gewesen sein. Der gebürtige Düsseldorfer hat bei Bagel in Düsseldorf 1882 den ersten von drei sgn. Mumiendruckenherausgebracht mit dem Titel „Schlau, schläuer, am schläusten“. Die Humoreske beginnt: 

Rhampsinit, Aegyptens König, aus der zwanz’ger Dynastie, 
Hatte Schätze, ungewöhnlich viel, und hütet eifrig sie…

Der Einband trägt den Kopftitel „Ausgegrabenes Buch“. Dem Thema entsprechend gestaltet ist das Titelblatt. Auf einem riesigen Palmwedel, getragen von einem Diener, steht der Titel „Schlau, schläuer, am schläusten“. Von rechts nach links marschierend sind die Personen der Handlung dargestellt, als vorletzter in der Reihe wandelt ein Kopfloser. Weiter heißt es dann: 1. Aegyptische Humoreske. Niedergeschrieben und abgemalt 1315 Jahre vor Christi Geburt von C. M. Seyppel. Hofmaler und Poet seiner Majestät des Königs Rhampsinit III. Memphis, Mumienstraße Nr. 35, 3. Etage, 4x klingeln.

Gewidmet ist das Werk Herrn Dr. H. Schliemann in Athen. In der scherzhaften Vorrede wird beschrieben, dass ein für Archäologie schwärmender deutscher Gelehrte 1882 im Zuge der kriegerischen Ereignisse mit dem englischen Heer nach Kairo gelangte. Dort konnte er mit viel Glück bei den Plünderungen des Pöbels ein kostbares altägyptisches Buch vor der endgültigen Vernichtung bewahren. Es sei zwar vom Zahn der Zeit angenagt, aber immerhin die einzige Probe der Malerei und Dichtkunst der alten Aegypter. Die ausgefransten und scheinbar angesengten, fleckigen Seiten des Buches unterstützen nachdrücklich den Hinweis auf das hohe Alter des kostbaren Fundes. Diese 1. Humoreske war so erfolgreich, dass 1884 bereits die 5. Auflage erschien. 1883 erschien ein weiterer Band unter dem Titel „Er, sie, es“, der die Fortsetzung der ersten Humoreske ist. Der dritte Band erschien ebenfalls 1884, sein Titel lautet: „Die Plagen“ („Aufgeschrieben und abgemalt bei dem Auszuge der Juden aus Aegypten“) Durchaus nicht ungewöhnlich für diese Zeit ist die Geschichte nicht frei von antisemitischen Äußerungen. 1974 und 1982 erschienen Nachdrucke, 1974 bei Heimeran in München (Dialog mit der Antike. 3.), 1982 brachte der Rheinland-Verlag in Köln in der Reihe Schriften des Museumsvereins Dorenburg (Band 37) unter dem Titel „Carl Maria Seyppels altägyptische Trilogie“ einen weiteren Nachdruck heraus. Heinz-Peter Mielke war der Herausgeber. Ein Exemplar des 1. Bandes dieser Trilogie erhielt ich freundlicher Weise von einem Sammler als Geschenk, mit der Bemerkung, in meine Sammlung passe es eindeutig besser als in seine eigene. Der Text ist in Versen abgefasst, stellenweise etwas holprig, wie auch die ganze Geschichte bisweilen makabre Züge aufweist: der Gewinner bei der nicht ganz astreinen Geschichte muss seinem eigenen Bruder den Kopf abschlagen, damit ihre Schandtat nicht entdeckt wird. Inzwischen ist es mir geglückt, von den beiden ersten Bänden je ein Exemplar zu erwerben, allerdings in einer anderen Ausgabe: der Einband ist mit Sackleinen überzogen, der Buchblock ist mit einer Schnur zusammengenäht, die Enden des „Nähfadens“ sind mit einem dicken Siegel festgemacht. Ein ägyptischer Königskopf prangt in der Mitte des Siegels, die umlaufende Inschrift ist nur mehr z. T. zu entziffern. Das Buch ist mittels Lederschnüren zu verschließen. Ich hoffe immer noch, den dritten Teil der Trilogie zu finden, zumindest als Nachdruck oder in Kopie. Ein Sammler gibt die Hoffnung nie auf!

Quellen:

Tagebücher von Fritz und Richard Netolitzky, Familienbriefe, Interviews mit Dr. Luitgard Knoll, Enkelin von Fritz Netolitzky

Hölzl, Regina; Jánosi, Peter: Vom Nil an die Donau. Die Geschichte der ägyptischen Wandtapeten im Kunsthistorischen Museum Wien; Berlin 2023

Rühle, Reiner: Böse Kinder; kommentierte Bibliographie von Struwwelpetriaden und Max-und-Moritziaden mit biographischen Daten zu Verfassern, Illustratoren und Verlegern, Bd 1,2; Osnabrück 1999 und 2019

Satzinger, Helmut: Das Kunsthistorische Museum in Wien: Die Ägyptisch-Orientalische Sammlung; Wien und Mainz ©1994

Neues Wiener Tagblatt, 30. Jg, Nr. 18, Nr 96

Wiener Zeitung Nr. 268, 19. Nov. 1895

Wurm, Carsten: 150 Jahre Rütten & Löning; Berlin 19941

Die kursiv gesetzten Textteile sind Zitate aus Tagebüchern, Briefen und                                                                                                                                              Zeitungen, deren Rechtschreibung übernommen wurde.            


[i] Die Schreibweise „Aegyptisch“ war notwendig, da es noch keine Möglichkeit gab, die Versalien-Umlaute drucktechnisch umzusetzen. 

[ii] Der Vortrag wurde im Rahmen des jährlichen Treffens des „Freundeskreis Struwwelpeter-Museum“ gehalten. Er fasst die Überlegungen zusammen, die im Zuge der Herausgabe des zweisprachigen Wendebuches „Der Ägyptische Struwwelpeter“ vom Verleger Dr. Walter Sauer angestellt wurden; „Editon Tintenfaß“ 2013, ISBN 978-3-943052-09-1 

[iii] Hervorhebung durch die Autorin

[iv] Stimmt nicht, der Zappel-Philipp fehlt im Aegyptischen Struwwelpeter, da es in dieser Parodie um das österreichische Militär ging. Die Grundlage für die Geschichte von Thutmes ist der Jägersmann, daraus wird sogar zitiert bei dessen Flucht vor der Mumie: Er läuft davon und ruft und schreit: „Zu Hilf‘, ihr Leut‘, zu Hilf‘ ihr Leut‘!“. Zusätzlich ist das Bild eine direkte Bezugnahme auf Fritz Netolitzky, der ein großer Bergsteiger war; von ihm existiert ein Foto in ganz ähnlicher Pose.

[v] Diese interessante Information verdanke ich Theo Gielen (1946-2015), dem niederländischen Fachmann für Kinder- und Jugendliteraturforschung und damit auch für den Struwwelpeter und seine Verbreitung in den Niederlanden. Er war Mitglied des oben genannten Vereins in Frankfurt.

[vi] Hervorhebung durch die Autorin

[vii] Hervorhebung durch die Autorin

[viii] Österreichisches Biographisches Lexikon

[ix] Das entspricht ca. € 40.000.- für die Druckkosten, für das Autorenhonorar ca. € 1200,-