Das struppige Peterchen

О Aυχμηρός Πετράκης

O auchmeros Petrakis

In den 1950er Jahren war der Stellenwert einer humanistischen Schulbildung noch sehr hoch. Ich selbst absolvierte ein humanistisches Gymnasium in der nicht ganz strengen Form (=Latein ab der 1. Klasse, Griechisch ab der 3. Klasse, in der 5. Klasse kam eine lebende Fremdsprache dazu) mit Latein ab der dritten, Griechisch ab der 5. Klasse, lebende Fremdsprache weiter als Freigegenstand. Der Unterricht in Altgriechisch war an vielen Gymnasien so selbstverständlich, dass es ganze Klassenzüge gab, die diese Sprache – mehr oder weniger begeistert – lernten. „Griechenland ist die Wiege der europäischen Kultur“ war die einhellige Meinung, die auch deutlich im Lehrplan zum Ausdruck kam. So verwundert es nicht, dass es auch entsprechende Unterrichtsmittel gab.

            Im Schuljahr 1954/55 erschien erstmals die Zeitschrift „Αλινδήθρα“ (Alindethra), Beacon Verlag, Bad Dürkheim. Es war eine Zeitschrift für Altphilologen im Schuldienst, wahrscheinlich haben sich auch Nicht-Lehrer daran erfreut. Sie erschien bis zur Nr. 14 / 1967 und stellte mit dieser Nummer ihr Erscheinen ein.

            „Αλινδήθρα“ bedeutet laut Gemoll (Griechisch-Deutsches Schulwörterbuch) „Wälzplatz, Tummelplatz für Pferde“. Der Tätigkeit des Wälzens gehen junge Pferde mit Begeisterung nach und damit ist der Vergleich mit Schülern in der Pubertät nicht schlecht gewählt. Und an Schüler dieser Altersgruppe wendet sich wahrscheinlich auch die Übertragung des Struwwelpeters – Aυχμηρός Πετράκης – ins Altgriechische. Aυχμηρός bedeutet schmutzig, struppig = hirsutus. Πετράκης ist die Deminutivform von Petros und schon haben wir unseren Struwwelpeter. Das Infame bei diesem Lehrbehelf ist der Umstand, dass die unbekannten, d. h. die für die Schüler „neuen“ griechischen Vokabeln mit dem lateinischen Pendant erklärt werden.